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Unterwegs im Land der Zaren

„Leinen los!“ Der russische Kapitän informiert beim Sektempfang über die vor uns liegende Strecke. Er erklärt, dass die Wasserstraßen wie Autobahnen angelegt seien, obwohl es die zur Zeit Peter des Großen noch gar nicht gab. Dieser herausragende Zar, der jahrelang durch Zentraleuropa gereist war, um sich mit Architektur und moderner Stadtplanung zu befassen, befahl 1709 den Ausbau des Flusssystems. Perfektioniert wurde es in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, als Kanäle und Schleusen, Kraftwerke und riesige Stauseen wie das Rybinsk-Reservoir hinzukamen. So wurde „Matuschka Wolga“ („Mutter Wolga“) schiffbar gemacht und die Flüsse Wolga, Swir und Newa miteinander verbunden.

Die Fahrt geht über drei Flüsse, mehrere Kanäle und durch fünf Seen, insgesamt werden 18 Schleusen passiert. Durch ein Spalier von Booten fährt unser Schiff in den Ladogasee ein, den größten See Europas, 34 Mal größer als der Bodensee. Anfangs sieht man noch sich weithin erstreckende Birkenwälder, aber bald ist am Horizont kein Ufer mehr in Sicht. Wasser und Himmel scheinen sich zu vermischen, das hat etwas Grandioses. Im Anschluss geht es auf den Fluss Swir, bald wird Mandrogy erreicht. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Dorf hat ein russischer Privatunternehmer auf seine Kosten wieder aufbauen lassen, das Ensemble besteht aus einmaligen Holzhäusern im altrussischen Stil. Die besten Kunsthandwerker wurden dazu in den Ort geholt. Es gibt ein Hotel, ein Wodka-Museum mit 2.561 verschiedenen Sorten und Plätze für ein zünftiges Grillfest. Die zahlreichen Holzstatuen entlang der Gassen stellen Figuren aus dem literarischen Werk von Alexander Puschkin dar. Inzwischen leben einige Künstler in Mandrogy, die Souvenirs fertigen, die im Preis zwar etwas teurer sind als auf den Märkten entlang der Route – dafür sind sie alle handgefertigt, bis ins Detail. Man kann den Kunsthandwerkern sogar bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Tags darauf steht ein Ausflug über den Onegasee nach Kischi auf dem Programm. Auf der Fahrt dorthin haben Passagiere die Möglichkeit, die Kapitänsbrücke zu besichtigen, der Erste Offizier führt. Draußen zieht endlos der ewige Film von Birkenwäldern und Auen, Dörfern mit kleinen Häusern und alles überragenden Kirchturmzwiebeln vorüber. Wir sind in Karelien, dem Land der Wälder und Seen. Ehrfurcht stellt sich ein, als sich das Weichbild von Kischi am Ufer aufbaut. Die Museumsinsel gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO, 82 Bauwerke zählen dazu. „Dostoprimetschatjelnost“, sagen die Russen, „Muss man sehen“, wenn sie mit Stolz auf etwas hinweisen.

Spektakulär präsentiert sich die riesige, mit 22 leuchtenden Kuppeln bestückte und mit Schindeln ganz aus Holz gefertigte Christi Verklärungskirche. Unsere Reiseführerinnen sagen, die Kirchen auf dem Eiland seien die großartigsten des Landes, allerdings aus brennbarem Material. Sommerkirche und Winterkirche teilen sich einen Glockenturm, beide bestehen komplett aus Birkenholz. Die Espenholz-Dachschindeln schimmern je nach Sonnenstand silbrig bis bläulich. Aufschlussreich ist auch, karelische Bauernhäuser kennen zu lernen: jedes mit Windmühle, Banja, dem Badehaus, und einer kleinen Kapelle. Viele der Häuser dieses Freilichtmuseums wurden abmontiert und auf der Insel wieder aufgebaut.

Kischi ist ein Museum der Nostalgie – es fehlt nur noch schwermütige Balalaika-Musik, die plötzlich in Lebenslust überschwappt. Die drei Stunden auf der Insel sind viel zu schnell vorbei. Nun befindet sich das Schiff im Wolga-Baltischen Kanalsystem, einem Werk von Menschenhand. Unfassbare Erd- und Steinmassen sind bewegt worden, um den Kanal zu bauen.

Landgang in Goritzy, einem Ort an der Scheksna. Nach kurzer Busfahrt ist das Wehrkloster Kirillow-Beloserski erreicht, das von einer gewaltigen, acht Meter hohen Mauer umgeben ist. Gründer des Klosters war der Mönch Kirill, der das Objekt im Niemandsland erbauen ließ. Der Spaziergang durch das Gelände führt an den malerisch gelegenen Sewerski-See (Weißer See) mit seinen Entenkolonien, zu sehen ist auch eine Ikonen- Ausstellung. Der russisch-orthodoxe Glaube hat im Christentum eine Sonderstellung. Vor mehr als tausend Jahren haben sich die Slawen von Byzanz abgespalten, ihre Religion huldigt vor allem das Mystische. Die Liturgie währt stundenlang, man steht dabei, läuft im Raum herum, schlägt das Kreuz, singt, geht heraus und kehrt zurück, wenn der Geistliche den Segen spricht. Eine ganz andere Art von Gottesdienst. Auch Uglitsch ist eine Etappe dieser Kreuzfahrt, ein Städtchen, das ganz in seiner Vergangenheit versunken ist – noch mit Stadtmauern und Dimitrij-Blut-Kirche, für Slawen ein besonderer Ort.

Die Glocke der Kirche rief über Jahrhunderte Gläubige zu Andacht und Gebet. Weil die Kommunisten sie abschafften, nannten Dichter wie Alexander Herzen ihre im Exil veröffentlichten Zeitschriften „Die Glocke“. Gegen Moskau zu vermehren sich die Datschen. Städter lieben diese Naherholungseinrichtung, in die sie sich in ihrer Freizeit zurückziehen können, meist im Kreis der Familie oder von Freunden. Bei Dubna, der Stadt der Atomphysiker, navigiert der Kapitän das Schiff in den 124 Kilometer langen Moskau-Wolga-Kanal, für dessen Erschaffung zwischen 1931 und 1937 mehr Erde versetzt wurde als für den Panama- oder Suez-Kanal. Nun wird es auf und am Wasser belebt. Boote sind unterwegs, es wird viel gewinkt und gerufen. Am Ufer halten Angler ihre Ruten ins Wasser, Frauen und Kinder sind unterwegs. Und in der Ferne zeichnet sich immer mehr das Bild der Zwölf-Millionen-Stadt ab.

Moskau ist eine eigene Welt, mit Riesengebäuden, riesigen Tangenten und riesigen Gotteshäusern, aber anders als jene in St. Petersburg. Die Gruppe der Passagiere hat Gelegenheit, die Stadt auf Rundfahrten kennen zu lernen, im Untergrund bei Metrofahrten mit Stopps in kolossalen Stationen ihre Kenntnisse in Kyrillisch, auf dem Schiff erworben, zu testen und sich in Einkaufszentren und im Kaufhaus GUM zu wundern, dass die Preise für Markenkleidung oft noch teurer sind als zu Hause. Kreml, Roter Platz, Basilius-Kathedrale – unter Präsident Jelzin wiederaufgebaut – und Bolschoi-Theater gehören zum Pflichtprogramm, auch der Spaziergang an der Moskwa, die durch die Stadt mäandert. Moskau ist eine berstende, brummende Metropole, aber die Passagiere sind noch von der Weite Russlands und seiner Stille erfüllt.

Bezaubernde Zwiebeltürme und Kuppeln

Russland ist einzigartig. Wer sich auf eine Schiffsreise von Moskau nach St. Petersburg begibt, trifft nicht nur auf Moderne, sondern auf viel Geschichte. Kirchliche Kunst, prunkvolle Ikonen und golden glitzernde Kuppeln bestimmen das Bild des Landes, das mit Zentren wie St. Petersburg architektonische wie kulturelle Brücken nach Westeuropa schlägt. Der von seiner Spiritualität erfüllte Mann stand auf dem Berg Maura und schaute hinab auf den Weißen See. Es war Kyrill, ein Mönch ohne Kloster. Er suchte nach dem Ort, an dem er für sich und seine Brüder ein Zuhause schaffen könnte, um in Gebet und tätiger Arbeit Gott zu ehren. Vertieft in den Anblick von Seen und Wäldern wartete er auf ein göttliches Zeichen. Der Tag verstrich, gegen Abend wechselte der Himmel im Zeitraffer die Farben. Kyrill spürte, wie die Schönheit ihn erfasste wie mit einer gütigen Hand. Als erst die Dämmerung hereinbrach und dann die Nacht sich wie ein Tuch auf die Natur legte, wusste der Mönch, dass dies der Ort war, an dem er mit den Seinen leben würde. Er sprach ein Dankgebet und war von Glück erfüllt.

1397 wurde das Kirillow-Beloserski-Kloster gegründet, benannt nach dem Mönch Kyrill und Beloserski, was Weißer See heißt. Heute liegt das Anwesen nahe der Kleinstadt Kirillow in dem Oblast (Bezirk) Wologda im Nordwesten Russlands. Dort, wo mehrere Seen mit dem heutigen Nördlichen Dwina-Kanal, der die Flusssysteme von Wolga und Nördlicher Dwina verbindet, zusammengehen. Das Anwesen ist die größte Klosterfestung auf russischem Gebiet. Obwohl sie im Laufe der Jahrhunderte mehrfach belagert wurde, ist sie nie von Feinden erobert worden. Bis zur Oktoberrevolution 1917, als der Zar aus seinem Schloss vertrieben, seine Beamten entmachtet und Kirchen enteignet und zweckentfremdet wurden, war es das wichtigste religiöse Zentrum des Großfürstentums Moskau. Der Berg Maura wird bis in unsere Zeit als heiliger Berg verehrt. Kyrill allerdings, der sich den Namen Beloserski zulegte, hatte sich geografisch geirrt. In seinem Jahrhundert gab es noch keine Karten, die Seen hatten noch keine offiziellen Namen. Tatsächlich liegt das „Auferstehungskloster“ am Siwerskoje See, der Weiße See ist nahebei.

Der Besuch des Klosters gleicht dem Eintritt in eine versunkene Welt. Erst nach der Demokratieöffnung wurde die riesige Anlage – sie war einst der zweitgrößte Landbesitz in Russland – der Kirche zurückgegeben. Ab 1998 zogen die ersten Mönche wieder ein. Ältere Männer, im Gesicht das Netz feiner Fältchen und in den Augen einen festlich gestimmten Glanz, begrüßen die Besucher, um dann ihren Verrichtungen nachzugehen. Sie sind schwarz gewandet, die Kittel reichen bis zu den Fußknöcheln, das Christenkreuz tragen sie an der Kette um den Hals. Ihre Bärte sind weiß und zottlig, das lange Haar etwas wirr und den Blicken der Männer sieht man an, dass sie weltabgewandt denken. „Mönch“ bedeutet, aus dem Griechischen abgeleitet, „Einsamer“, „Einsiedler“. Mönche der Russisch-Orthodoxen Kirche haben dem Irdischen entsagt und ihr Leben in Gottes Dienst gestellt. Die monastische Tradition ist in den letzten zwei Jahrzehnten wieder aufgelebt, inzwischen gibt es Tausende russische Mönche und Nonnen, die zurückgezogen leben. Die Kirche, die in atheistischer Zeit unterdrückt wurde, aber nie ganz ihre Bedeutung verlor, hat inzwischen wieder mehr als 100 Millionen Mitglieder. Eine Renaissance ohnegleichen.

Das Kirillow-Beloserski-Kloster hatte stets Kontakt mit Mächtigen und Gelehrten. Kyrill entstammte dem Adel und wurde von Blaublütigen unterstützt. Das ursprünglich primitiv gebaute Kloster mit einer Holzkapelle und einem Blockhaus für die Mönche befand sich in einer guten strategischen Lage. Die Mönche unterhielten enge Beziehungen mit orthodoxen Christen in Griechenland, durch Spenden kam es zu Reichtum, das Anwesen konnte systematisch weiter ausgebaut werden. Iwan der Schreckliche (1530-1584) war von den Geistlichen beeinflusst, er besaß sogar eine eigene Zelle im Kloster und verbrachte dort einige Zeit. Auch Literaten, die besten Ikonenmaler und andere Persönlichkeiten besuchten das Kloster oder lebten dort eine Zeitlang. Die aus dieser Periode stammenden Kirchenfürsten werden bis heute verehrt. Zum Komplex gehören zwölf Kirchen, eine Kapelle, eine Küche, ein Refektorium und getrennte Gebäude für Priester und Mönche, zwei Krankenhäuser und eine Windmühle. Am eindrucksvollsten ist die mächtige Wehrmauer (Kreml) mit zehn Türmen. 1924 war das Kloster zwangsmusealisiert worden, die altehrwürdigen Bibliotheksbestände gingen nach Moskau und St. Petersburg. Die Anlage wird nach und nach saniert. Unter den vielen Ikonen, die zu sehen sind, sticht die des Gründers und Klosterbruders Kyrill heraus, der ganzfigürlich dargestellt wird.

„Etwas Schöneres gab es nie“

Leise schmatzend nagt das Wasser am Ufer der Insel Kischi im Onegasee. Die Türme zweier Kirchen zeichnen sich markant ab gegen die riesige Haube des hellen Himmels. Es sind zwei uralte Gebäude, vom Wetter gegerbt, mit gemeinsamem Glockenturm. Eine davon, die Verklärungskirche, wurde – ausgenommen die Befestigung der Dachschindeln – ohne Nägel gebaut. Sie ist 37 Meter hoch und besitzt 22 pyramidenartig ansteigende Kuppeln. In Auftrag gegeben hatte sie Zar Peter der Große, 1714 wurde sie vollendet. Gebaut haben soll sie nur ein Zimmermann, ohne Werkzeug außer einer Axt. Am Ende der jahrelangen Arbeit, vor allem mit Kiefernholz, soll er die Axt in den See geworfen und gerufen haben: „Etwas Schöneres gab es nie und wird es nie geben.“

Die Kirche ist nach ihrer Schließung seit 1994 wieder „aktiv“, wie die Russen sagen. Die romantische Insel ist ein Freilichtmuseum, hier begegnet man der Melancholie, die man gemeinhin Russland nachsagt und die in Liedern mit Balalaika-Begleitung besungen wird. Dazu passt, dass es keine befestigten Straßen gibt. Die Gäste werden über hölzerne Stege geleitet. „Kischi“ ist abgeleitet vom karelischen „kischat“ („Spiele“) und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Neben den Gotteshäusern gibt es 80 weitere Gebäude aus Holz. Schon im 11. Jahrhundert war die nicht allzu große, aber von mehreren kleineren Eilanden umgebene Insel besiedelt.

Russen sind zutiefst religiös

Die Reise vom Westen in den Osten Europas ist schon lange nicht mehr die von einem Farbfilm in einen Schwarzweißfilm. Zwar ist Russland die Vergangenheit eingeschrieben wie die Linien einer Hand, die nicht auszuradieren sind. Das Schiff fährt auch vorbei an erstarrten Landschaften aus Eisen, Beton und Plattenbauten, Monumente einer Epoche, die nicht hielt, was sie versprach. Aber wer mit der MS FEDIN unterwegs ist, erlebt ein Land im Aufbruch, das stark in seinen Traditionen verwurzelt ist. Dazu gehört die Kirchenkunst, sowohl als Architektur als auch als Ort bildender Künste. „Wenn du unser Land verstehen willst, musst du dich tief hineinwagen“, sagen die Russen ihren Besuchern. Dann ist es ganz anders als es das Klischee vorschreibt. Die Russen sind ein zutiefst religiöses Volk, die alten Rituale konnten nach 70 Jahren Zurücksetzung sofort reaktiviert werden.

Hauptsächlich im ländlichen Bereich wird das Christentum wieder gelebt, als hätte es nie den Kommunismus gegeben. Wer irgendwo eine Kirche betritt, wird immer Menschen finden, die dort beten und lebhaft beteiligt an Gottesdiensten teilnehmen. So auch in der Dimitri-Blut-Kirche in Uglitsch am Wolgaknie. Die Reise dorthin verläuft durch eine ausgeprägte Mischwaldzone aus Wald, Hügeln, Wasserläufen, Sümpfen und Brachen – das typische russische Landschaftsbild. Uglitsch gehört zu den ältesten Städten des Landes, es wurde bereits im Jahr 937 gegründet und war lange Hauptstadt des Uglitscher Fürstentums, einer der bedeutendsten russischen Herrscherfamilien. Nach der endgültigen Vertreibung immer wieder plündernder und brandschatzender Tartaren kam es im 13. Jahrhundert im Fürstentum zu einer Blüte. In dieser Epoche entstand der Kreml, die Festung mit der heute noch zu besichtigenden Fürstenkammer.

Die Regentschaft der Uglitscher war eine ökonomisch starke Epoche, sie waren mächtig, bauten viel und prägten sogar eigene Münzen. Das gefiel nicht allen. Als Iwan der Schreckliche 1584 starb, entsandte man seinen erst ein Jahr alten Sohn Zarewitsch Dimitri in der Obhut seiner Mutter aus Moskau nach Uglitsch. Der Jungfürst wurde als Achtjähriger ermordet, womit für Russland nach inneren Kämpfen eine Zeit der Wirren und des Niedergangs  einsetzte. Aber die Gläubigen bauten zur Erinnerung an Dimitri eine Kirche aus Holz, die im 17. Jahrhundert noch einmal aus Stein errichtet wurde. Sie ist reich mit Fresken versehen, die Fenster sind üppig verziert und auf den Kuppeln prangen Sterne. Eine kindgemäße Symbolik aus Verehrung für den unschuldig Heranwachsenden, der einem Ränkespiel zum Opfer fiel. Der Besuch der Dimitri-Blut-Kirche ist berührend.

Rückkehr der goldenen Kuppeln

Auch in den Großstädten Moskau und St. Petersburg, in die diese Reise führt, prägen orthodoxe Gotteshäuser das Stadtbild. Moskau hat 276 Kirchen, die meisten davon strahlen in Prunk und Glanz – und sie sind für alle geöffnet. Der Systemwechsel hat Russland starke soziale Umwälzungen gebracht, die im Kommunismus egalitäre Gesellschaft ist nun geteilt in Menschen, die der rasanten Entwicklung nicht folgen können: auf der einen Seite vor allem arme Rentner und auf der anderen Seite Banker und „Bisinessmenni“ (Geschäftsleute), denen Limousinen, Sportwagen und Villen gehören. In den Städten prallen diese Gegensätze sichtlich aufeinander. Die Russisch-Orthodoxe Kirche fungiert als eine Art Schmiermittel zwischen den sozialen Gruppen. Sie ist eine moralische Macht, sie übt Einfluss aus und führt in ihren geschützten Räumen Menschen unterschiedlicher Herkunft und materiellen Besitzes zusammen.

So zum Beispiel in der Moskauer Christi- Erlöser-Kathedrale, zentral gelegen an der Moskwa-Brücke. Mit ihrem mit viel Bürgergeld gestifteten Wiederaufbau 1997 wurde über Diktator Stalin triumphiert, der den Vorgängerbau hatte schleifen lassen. Ursprünglich war die Großkirche Mitte des 19. Jahrhunderts zu Ehren des Sieges der russischen Armee über die Heere Napoleons gebaut worden, 44 Jahre lang. 1931 ließ Stalin sie sprengen, weil an der Stelle der gigantomanische Palast der Sowjets errichtet werden sollte. Das utopische Projekt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben. Unter dem früheren Bürgermeister Luschkow kehrte das Wahrzeichen der Hauptstadt zurück – mit weithin glänzenden goldenen Kuppeln. Doch im Innern zählt kein Gold. In Behältern schwenken Diakone Weihrauch, die sonore Stimme des Priesters ertönt. Vor der Ikonostase sind alle gleich. Der Bilderstand, eine kunstvoll mit Ikonen geschmückte Wand zwischen Gemeinde- und Altarraum gilt nicht als Trennwand zwischen Gläubigen und Priestern, sondern als Bindeglied zwischen irdischer und göttlicher Welt. Besucher können sich frei bewegen, Kerzen anzünden und den reichen Kirchenschmuck bewundern. Vor allem Moskauer Geschäftsleute sollen Millionen gegeben haben, um diese Kathedrale wieder ins Innenstadtbild einzufügen.

 Unter den Ikonenbildern gibt es drei wiederkehrende Motive: die Dreifaltigkeitsikone von 1411; die Hodigitria als Wegweiserin, die auf dem linken Arm das Jesuskind mit seinen erwachsenen Gesichtszügen trägt; der Pantokrator als Weltenherrscher, mit Lehrautorität und Segensmacht ausgestattet. Auch St. Petersburg hat viele Gotteshäuser. In Russlands europäischster Metropole mit einem barocken Stadtbild streben mehrere monumentale Kirchen empor. Sie überragen am 4,5 Kilometer langen Newskij Prospekt die Stadtpalais in Hellgrün und Karmesinrot, die Säulenganghäuser, Bibliotheken, Theater, Museen und Kaufmannshöfe, die großartige Philharmonie, das aufgefrischte Jugendstil-Kaufhaus Jelissejew und Zarendenkmäler.

Mit seinen Brücken wölbt sich der Boulevard über Flüsse und Entwässerungskanäle. Dazwischen hat die Neuzeit Stahlbeton, Glas und Granitfassaden geschoben. Aber die Türme der Wiederauferstehungskirche mit ihren gedrechselten mosaikbunten Kuppeln und der Isaak-Kathedrale mit den weltgrößten Kuppeln überhaupt dominieren. Die Peter-und-Paul-Kirche war einer der ersten Bauten, die Stadtgründer Peter der Große auf dem Festungsgelände errichten ließ. Der Zar war ein aufgeklärter Zeitgenosse, als junger Mann lebte er in Amsterdam und im heutigen Sachsen-Anhalt, er kannte sich in Architektur und Schiffsbau aus. Aber das Wichtigste war ihm ein Haus für Gott. Der Legende nach stand Peter der Große am Ufer der Newa, als ein flügelschlagender Adler sich auf seinen Handschuh setzte und dann in den Himmel entschwand. Auch das wurde als göttliches Zeichen gesehen.

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