Königlicher Glanz

Toskana im deutschen Osten

Wasser, überall Wasser. Havel, Schilf und Wasservögel so weit das Auge reicht. Wer sich am Morgen, wenn es noch etwas kühl ist und die Luft feucht riecht, vom Sonnendeck aus die Umgebung betrachtet, blickt in eine amphibische Welt. Das Havelland ist eine Wasserlandschaft. Der Himmel ist noch wolkenverhangen, aber ein paar Wildgänse fliegen bereits in lockerer Formation über die Baumwipfel. Die Sonne erwacht nur langsam am Firmament, doch der Kormoran hat sich schon zum Frühstück einen Fisch geschnappt. Hunderte Kilometer schiffbare Wasserstraßen mäandern munter und mystisch durch das Havelland. Es erinnert ein bisschen an eine Landschaft des Südens und gilt deshalb Kennern als Toskana des deutschen Ostens. Theodor Fontane, der die Mark Brandenburg durchwanderte, fand dafür einen ausgefallenen Vergleich. „Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen. Auch die hässlichste – sagt das Sprichwort – hat immer noch sieben Schönheiten. Man muss sie nur zu finden verstehen“, notierte er 1862.

Königliche Impressionen

Still-im-Land hieß Schloss Paretz, das sich Luise und Friedrich Wilhelm III. errichten ließen. 1797 wurde die frühklassizistische Anlage für das preußische Königspaar vollendet. Der weitläufige Park mit dem Schloss liegt unter alten Bäumen, die neugepflasterte Dorfstraße führt darauf zu. Es wurde in seinen Originalzustand zurückversetzt, nur anderthalb Stockwerke hoch und vollkommen symmetrisch mit Treppe, Portal und gewölbten Fenstern, mit Sand- und Ockerfarben getüncht. Von gegenüber grüßt die anmutige neugotisch überformte Kirche, ein Staffagebau von David Gilly. Innen ist sie nüchtern protestantisch, aber mit Illusionskunst ausgemalt. Im Schloss führte Königin Luise Regie: Sie ließ noble Tapeten anbringen, ein Landschaftszimmer einrichten, von wo aus der Blick Pfaueninsel und Heiligensee umfasst. Tiefe Fenster gehen hinaus auf den Schlossgarten, den ein kaum sichtbarer Graben von den Weiden trennt, die bis zur Havel reichen. Natur sollte für die sechs bis acht Sommerwochen, die das Paar in Paretz verbrachte, Natur sein. Schlichtheit war Programm, wenngleich im hochadligen Lebensstil.

Stolze Geschichte der Residenzstadt

Magdeburg ist die Ottonenstadt, mehreren Königen, die alle Otto hießen, diente sie als Residenz. 2005 wurde das 1200-jährige Bestehen gefeiert. Als Kaiserpfalz (ab 962) und Handelsplatz an der Elbe war sie ein herausragender Wirtschaftsstandort. Heute sucht die Hauptstadt von Sachsen- Anhalt ihr Image, sie findet es in ihrer stolzen Geschichte. Zu ihr gehören das Magdeburger Recht, Vorbild für Städteverfassungen, der Ratsherr und Bürgermeister Otto von Guericke (1602-1686), der als Physiker und Naturforscher wirkte, und der Dom, die erste gotisch konzipierte Kathedrale auf deutschem Boden. Am Alten Markt beginnt der Bezirk der Bürger mit Rathaus und davor dem Magdeburger Reiter (1240).

Tangermünde und Havelberg waren im Mittelalter reiche Hansestädte, heute verkörpern sie, topsaniert, brandenburgische Geschichte an Elbe und Havel. Sie sind mit ihrem mittelalterlichen Stadtbild ideal zum Flanieren, auf manchen Dächern gibt es Storchenneste und die Gassen sind so pittoresk, dass Defa und Ufa dort Historienfilme drehten. In Rathenow gibt es Brillen und anderes optisches Gerät. In der Stadt begann die Entwicklung der deutschen Optikindustrie. Sie eignet sich für einen Spaziergang: Man schlendert durch das strahlend sanierte Ambiente des Backstein-Preußens, durchquert die hübsche Neustadt mit dem alten Hafen und hat vom Kirchberg auf der Altstadtinsel einen schönen Ausblick.

59 Brücken

Brandenburg, die Wiege der Mark Brandenburg liegt 60 Kilometer westlich von Berlin. Eine Stadt mit 59 Brücken, 19 Prozent der zum Stadtgebiet gehörenden Fläche ist Wasser. Besucher können sich gleich drei historische Stadtkerne anschauen, Alt- und Neustadt und Dominsel. Auf der Insel in der Havel begann die Geschichte des Landes Brandenburg. Vor tausend Jahren hatten sich dort Slawen angesiedelt, sie errichteten die Brandenburg. Als 948 die Christianisierung gen Osten schwappte, war die Dominsel umkämpft. Kaiser Otto I., der Große genannt, gründete dort ein Bistum. 200 Jahre später kam Albrecht der Bär in den Besitz der Burg, er war ab 1157 der erste Markgraf von Brandenburg. Im selben Jahrhundert wurde der Grundstein gelegt für den Dom St. Peter und Paul. Zwei Türme sollte er bekommen, aber der sumpfige Boden war zu instabil – es blieb bei einem Turm.

Später ließ Preußens Baumeister Schinkel sichernde Querstreben einziehen. Im Dom-Museum gibt es mittelalterliche Tafelmalerei, sakrale und Buchkunst, liturgische Gewänder und das Hungertuch von 1290 mit 26 Szenen der Heilsgeschichte. In der Altstadt gegenüber steht die Pfarrkirche St. Gotthardt, in der Victor von Bülow alias Loriot getauft wurde. Nach Werder geht man, um einen guten Tropfen vom Werderaner Wachtelberg zu verkosten, er wächst auf dem nördlichsten Weinberge Europas, eine Rarität. Das einstige Fischerdorf, mit seinem markanten Turm der 1858 eingeweihten Kirche zum Hl. Geist, bildet heute den Mittelpunkt eines großen Obstanbaugebiets. Der Ort ist geprägt von Bürgerhäusern des 18. Und frühen 19. Jahrhunderts.

Märchenhafte Flusslandschaft

Ein Highlight dieser Reise ist die Seenrundfahrt in den Gewässern zwischen Berlin und Potsdam. Die Havel zeigt sich als märchenhafte Flusslandschaft. Am Ufer spult eine Zeitreise ab: Caputh mit Einsteins Sommerhaus und einem herausgeputzten Schloss, hinter Ketzin eine Hügelkette mit Erlenwäldern, Wiesen und Kirchtürmen bis an den Horizont. Schließlich Potsdam, die Schöne an der Havel, Weltkulturerbe, Sommerresidenz preußischer Könige und deutscher Kaiser. Das „Versailles des Nordens“ verdankt seinen Ruhm den Schlössern Sanssouci und Cecilienhof, aber auch den prächtigen und weitläufigen Parkanlagen. Eine moderne Stadt in alten Prunkfassaden.

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