Le Havre – Reisetipps für die größte Stadt der Normandie

Weil die tiefer in der Seinemündung liegenden Häfen Honfleur und Harfleur allmählich verschlammten, beschloss Frankreich im 16. Jahrhundert, an der Nordseite des Mündungstrichters direkt am Ärmelkanal Le Havre zu gründen.

Mit 193.000 Einwohnern ist es heute die größte Stadt der Normandie. Im 18. und 19. Jahrhundert wuchsen Bedeutung und Reichtum der Hafenstadt, in der sich immer mehr Menschen drängten. Unter Napoleon III. wurden deshalb 1852 die Stadtmauern abgerissen und an ihrer Stelle breite Boulevards angelegt. So konnte sich Le Havre ausdehnen und zur Industriestadt werden; der Hafen entwickelte sich zum Drehpunkt des zunehmenden Nordatlantik-Schiffsverkehrs.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt von den Deutschen zu einer Festung im Atlantikwall ausgebaut und nach der Landung der Alliierten in der Normandie massiv bombardiert und bei 132 Luftangriffen großenteils zerstört. Nach der Befreiung wurde der Architekt Auguste Perret (1874-1954) beauftragt, die völlig verwüstete Altstadt „neu zu erfinden“. Bis 1964 realisieren mehrere Dutzend Architekten, Anhänger des „Poeten des Betons“, ein innovatives Stadtzentrum nach den Prinzipien des Klassizismus, aber luftiger und harmonischer.

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Entdecken Sie das UNESCO-Weltkulturerbe in Le Havre

In den 1970er Jahren schuf der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer (1907-2012), der auch die neue Stadt Brasilia konstruierte, ein Kulturzentrum in Form eines abgeschnittenen Vulkankegels. Als erste und neben Brasilia einzige Stadt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das neue entstandene Stadtzentrum von Le Havre 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben und außerdem als „Stadt der Kunst und der Geschichte“ ausgezeichnet.

Zu den Sehenswürdigkeiten gehört natürlich das neue Stadtzentrum mit breiten Boulevards und weiten Sichtachsen, öffentlichen Gebäuden und 150 Häuserblocks aus getöntem Beton. Straßen und Plätze, offene Häuserblocks mit Gärten und Höfen sollten das moderne Prinzip des „Rechts auf Ruhe, Luft, Sonne und Raum“ verkörpern.

Als Symbol des Wiederaufbaues der Stadt gilt die 1951 bis 1956 erbaute St. Joseph-Kirche, deren 107 Meter hoher, achteckiger und mit farbigen Glasbausteinen geschmückter „Laternenturm“ Stadt und Hafen wie ein Leuchtturm überragt. Der von Auguste Perret entworfene Bau wird als Meilenstein der Architekturgeschichte und beispielgebend für den Neubeginn in Europa nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges gewürdigt.

Auch das von Perret erbaute Rathaus mit seinem 72 hohem Turm am außergewöhnlich großen Marktplatz wurde zu einem Wahrzeichen des neuen Le Havre. Das Kulturzentrum „Volcan“ des Stararchitekten Niemeyer in kurvenreicher Linienführung beherbergt in zwei Baukörpern Konzert- und Theatersäle, Kinos und weitere Kultureinrichtungen. Wegen seiner Form wird es von den Einheimischen „Joghurtbecher“ genannt.

Impressionistische Kunst im MuMA

Kunst vom Feinsten ist wiederum im MuMA, dem „Museum der modernen Kunst André Malraux“ zu bewundern. Die direkt an der Küste liegende, lichtdurchflutete Glas-Stahl-Beton-Konstruktion beherbergt die nach dem Orsay Museum in Paris zweitgrößte und wichtigste Sammlung impressionistischer Malerei sowie Werke anderer Künstler der letzten Jahrhunderte.

Als eines der wenigen Gebäude hat in Hafennähe die Kirche Notre-Dame aus dem 16. Jahrhundert die Zerstörungen halbwegs überstanden. Nach der Auszeichnung durch die UNESCO, nach Initiativen des Französischen Architekturinstituts und Forschungen von Historikern hat sich das Image von Le Havre in jüngster Zeit grundlegend geändert. Die Stadt pflegt ihr junges Kulturerbe und sorgt durch Ausstellungen, Veranstaltungen, Biennalen für zeitgenössische Kunst, Stadtplanung und städtebauliche Projekte für eine neue Wahrnehmung.

Der nach Marseille zweitgrößte Hafen Frankreichs ist inzwischen zum wichtigsten Containerumschlagplatz des Landes geworden. Allein das Containerterminal „Port 2000“ hat eine Kailänge von über 4 Kilometern. Unabhängig vom beträchtlichen Gezeitenunterschied ist der Tiefwasserhafen rund um die Uhr für Schiffe aller Größen zugänglich. Es bestehen Verbindungen zu über 500 Häfen in der Welt; jährlich werden in Le Havre mehrere Tausend Schiffe abgefertigt und allein rund 2,5 Millionen Container umgeschlagen. Zudem hat sich Le Havre auch weiterhin seine Position als wichtiger Passagierhafen nach Großbritannien bewahrt und wird zunehmend als Anlaufstelle von großen Kreuzfahrtschiffen genutzt.