Donaudelta

Donaudelta

Wo sich die Natur noch im Gleichgewicht befindet

Pausenloser Wechsel der Natur

In Rumänien fließt die Donau ins Schwarze Meer. Auf den letzten Kilometern im Delta präsentiert sich der Strom anders als auf der langen Flusskreuzfahrt davor.

Wer an Deck einer Donaukreuzfahrt oder in seiner Kabine eine Landkarte von Rumänien vor sich ausbreitet, sieht, dass die Donau sich auf einer Langstrecke durch das ganze Land der Daker zieht. Keiner der Donauanrainer, die zuvor passiert wurden, hat so viel vom Fluss. Auf 1.075 Kilometern durchquert die Donau Rumänien, mehr als ein Drittel ihrer Gesamtlänge. Zumeist an der Grenze zu Bulgarien, zuletzt in Richtung Norden fließend, dann östlich zum Meer. Der letzte Teilabschnitt, das Delta, ist für Schiffsreisende der abwechslungsreichste.

Auf der Landkarte vermehren sich die blau eingezeichneten Gewässer im Donaudelta, das nach Tulcea, der letzten größeren Stadt, beginnt und auf rumänischem Territorium als Biosphärenreservat bis an die Grenze zur Ukraine reicht. Die Ukraine besitzt 17,5 Prozent des Deltas, aber es ist kein Biosphärenreservat wie auf rumänischem Territorium. Die Donau wird zum Binnendelta. An der serbischen Grenze war sie noch durch das Eiserne Tor gezwängt worden, eine Schleuse in ein Tal, das zwischen steil und erratisch aufgestemmten Felsen stellenweise nur 120 Meter breit ist. Nun läuft der Fluss immer mehr in die Breite aus. Zwischen dem linken und rechten Ufer liegen oft mehr als zwei Kilometer, der Strom erscheint manchmal wie ein See. Weil er von einem Sumpf und Auengürtel gesäumt wird, zeigt er sich sanft, als angenehm fließendes Gewässer.

Dazu passen die beide Flussufer besprenkelnden, verwunschen wirkenden Dörfer mit Bauernkaten, den glänzenden Türmen orthodoxer Kirchen, bäuerlicher Folklore und Roma-Romantik. Das Mündungsgebiet zeigt sich vom Sonnendeck aus als Natur pur. Der Baumbestand ist mächtig, seine Äste tänzeln in der Strömung. Mit grünen Verfilzungen, zu undurchdringlichen Urwäldern gewuchert, unzugänglichen Seitenarmen und Röhrichten, die sich ins Bild schieben, versumpft und mit verstepptem Dickicht. Mit einer Parade von Eschen, Erlen und Pappeln, hinter denen sich Labyrinthe aus „toten“ Nebengewässern verstecken, lebenswichtige Biotope für Amphibien, Insekten und Vögel. Für Tiere, die am Wasser leben, ist das Delta ein Paradies. Der Mensch ist hier nur eine Randerscheinung. Nicht einmal 15.000 Einwohner hat das große Delta, das 2,5 Prozent der Fläche Rumäniens ausmacht. Sie leben von Fischfang, Forst und Landwirtschaft und zunehmend vom Tourismus. Die kulinarische Spezialität der Region ist die „Ciorba de peste“, eine deftige Fischsuppe, die oft auch in einem Kessel auf dem Feuer zubereitet wird. Das Leben der Menschen ist nicht einfach, das flache Gebiet am 45. nördlichen Breitengrad steht bis zu 80 Prozent zeitweise oder ständig unter Wasser. Wohnraum im größten Sumpfgebiet des Kontinents bieten nur wenige feste Gelände zwischen den Armen der Donau.

Überall schwimmende Inseln

Das Thema Donaukreuzfahrt Donaudelta begeistert mit einer unglaublichen Flora und Fauna. Sobald das Schiff das Donaudelta erreicht hat, beginnt die Natursensation auf 3.446 Quadratkilometern in Rumänien als komplexes Biosphärenreservat. Europas größtes Feuchtgebiet mit einem zusammenhängenden Schilfrohrgebiet, wie es das nirgendwo mehr auf der Erde gibt. So viel Schilf ist vorhanden, das sich aus ihm bewegliche oder feste kleine Inseln bilden.

Cirka 100.000 schwimmende Eilande, ergänzt durch Rohrkolben, Sumpffarn, Wasserminze und andere Pflanzen, soll es geben. Ein Irrgarten in einem sich pausenlos verändernden Gebiet. Mit schwimmenden Inseln, oft nur lose Erdansammlungen, mit plötzlich versandenden Wasserläufen und enorm viel Schlamm, der in ungeheuerlichen Mengen angeschwemmt wird. Nichts bleibt für längere Zeit, wie es ist. Sturzartige Regenfälle schaffen neue Inselbildungen, während andere vom Wasser abgetragen werden, sich auflösen und verschwinden. Der Fluss zerkleinert, zerfasert und zersiebt alles, was für eine Weile fest ist. Wasserlilien blühen in schrillem Gelb, fleischfressende Pflanzen lauern mit lockenden Farben auf Moskitos, uralte Eichen sind von Lianen gefesselt. Und doch treibt das Wasser die Pflanzen weiter. Einzig die Bäume stehen fest, manche erreichen eine Höhe von 50 Metern.

In dieser urtümlichen Landschaft sieht es noch aus wie an den ersten Tagen der Schöpfung. Nur die drei großen Mündungsarme, in die der Strom sich im Delta teilt, sind nicht dem steten Wandel unterworfen. Der Chilia-Arm an der rumänisch-ukrainischen Grenze im Norden, der Sulina-Arm in der Mitte des Deltas und der Sfantu-Gheorghe-Arm im Süden sind begradigt und teilweise kanalisiert für den Schiffsverkehr. Immer weiter wächst die Landmasse ins Meer hinein, pro Jahr um rund 40 Meter. Die Natur macht, was sie will.

Große Herrscher auf Eroberungsfahrt

Die Oberflächenstruktur Rumäniens wird oft mit der Form eines Amphitheaters verglichen. Im Zentrum liegt das Transsilvanische Hochland, eine leicht hügelige, fruchtbare Landschaft, vom großen Karpatenbogen umfangen. Parallel zu den imposanten Bergketten schließt sich ein niedrigerer Gebirgsbogen an, die Vorkarpaten mit tiefen Tälern und vielen Wasserläufen.  Zum Osten hin liegt die Dobrudscha, durch die sich die Donau auf dem Weg ins Delta bewegt.

„Im Sommer von der Sonne versengt, im Winter von Stürmen durchtobt“, wie der Dichter Mihail Sadoveanu die Dobrudscha beschreibt. Es ist die niedrigste Reliefstudie Rumäniens, maximal 15 Meter über Meereshöhe. Die meisten Flüsse des Landes münden dort ineinander, auch die großen wie der Pruth nach 1.000 Kilometern Strecke und der Siretul, der aus der Bukowina kommt. An jeder Flussbiegung spiegelt sich die unverfälschte Wasserlandschaft in anderen Farben wider. Die Hafenstadt Tulcea (110.000 Einwohner) am rechten Ufer des Donau-Arms Sulina umrahmen Weinrebenfelder. Die Schiffspassage führt vorbei an riesigen Werften und einem Fischverarbeitungswerk, das ganz Rumänien beliefert. Gleich hinter Tulcea, dem Aegyssus des Altertums, ist das Tor zur Naturwildnis des Deltas. Doch auch hier hat sich Geschichte ereignet, die weit in die Jahrtausende zurückgeht. Auf dem Wasserweg waren einst Phönizier, Griechen, Römer, Genuesen, Venezianer, Türken und Tataren unterwegs. Perserkönig Darius und der Makedone Alexander der Große segelten auf Eroberungsfeldzügen durchs Donaudelta. An die fremden Besucher von einst erinnert im Straßenbild von Tulcea nicht mehr viel, neben orthodoxen Gotteshäusern gibt es noch eine türkische Moschee aus dem Jahr 1863 und eine verwaiste Synagoge. Auf dem großen Rathausplatz mit der Fürstenstatue Mircea cel Batran, einer Reiterbronze, oder auf der Faleza, dem Kai, sieht man auch Muslime in traditioneller Kleidung, Männer mit Kappe, ältere Frauen verschleiert. Tulcea hat viele türkischstämmige Einwohner. Rund um den Ort Sulina, bis ins 19. Jahrhundert ein Donauund Schwarzmeerhafen, der alte Leuchtturm erinnert daran, gab es archäologische Ausgrabungen. Dabei stieß man auf Überbleibsel der Hamangia-Kultur, die zwischen 4900 und 4700 v.Chr. eine Blüte erlebte und dann unterging. Schmuck, Terrakotta-Gefäße, Ton- und Marmorfiguren zeugen davon, auch Gräberfelder. Den Toten wurden halbrunde, runde und rautenförmige Kiesel mit in die Erde gegeben.

Bis in die Alte Donau

Welchen der drei Hauptkanäle des Donaustroms man auch befährt, die Tour durch das Labyrinth der unzähligen und sich immer wieder verändernden Flussverästelungen beginnt. Viele Passagiere gehen aufs Sonnendeck, haben ein Fernglas dabei und Kameras. Die Natur wird zum Großerlebnis wie im 3D-Film. Auf den letzten Kilometern gibt sie eine Galavorstellung.

Die Faszination des Deltas erschließt sich am besten auf den speziellen nicko cruises Ausflügen, wo mit Ausflugsbooten die Flussarme und -kanäle befahren werden.

Die MS MAXIMA fährt zunächst auf dem Hauptkanal Sulina von Tulcea aus kilometerlang fast schnurgerade nach Crisan. Von dort aus fahren die Besucher mit Ausflugsbooten zu einer beschaulichen Fischersiedlung, dem Dorf Meile 23. Durch das Labyrinth nördlicher Seitenkanäle wie dem Sontea Kanal und dem Sireasa Kanal führt der Weg über beeindruckende Pelikanreservate wie dem Fortuna See und dem Nebunu See zurück an Bord der Flusskreuzfahrten auf MS MAXIMA, die bei Meile 35 in der Nähe von Tulcea wartet. Der Ort Crisan präsentiert sich mit schmucken Neubauten, einem kleinen, aber interessanten Umwelt- Museum, in dem es um die „Grüne Donau“ geht, und in einer Gartenanlage steht eine Niederlassung des Donaudelta-Instituts aus Tulcea. Gleich hinter dem Ortsrand erstreckt sich der Landstreifen Grindul Caraorman, ein 7.000 Hektar großes Dünen- und Waldgebiet mit Wildkatzen und Marderhunden, die im Schutz der Bäume jagen, und seltenen Vögeln wie dem Seeadler oder dem Würgfalken. Von Crisan aus dringt man aber auch ins Gebiet der Alten Donau, der Dunarea Veche, mit ihren Seitenkanälen und Lagunen ein.

Unterm Schiffsrumpf suchen Hechte, Barsche, Karpfen und Zander im Wasser das Weite, dunkel gefiederte kleine Enten tauchen blitzschnell zwischen blühenden Seerosen ab, um bald wieder ihre Köpfchen neugierig aus dem Wasser zu recken. Die Fischabnahmestelle Meile 23 hat auffällig viele Bewohner mit hellhäutigen, rothaarigen Kindern. Sie sind Nachfahren der Lipovener, die vor 200 Jahren aus religiösen Gründen ihre ukrainische Heimat verließen und sich kollektiv im Delta ansiedelten. Die ethnische Minderheit hat sich ihre eigene Kultur bewahrt.

In der Bar sitzen die Fischer bei Bier und Brettspielen und palavern, tagsüber lassen sie ihre Holzboote und Netze trocknen. Die Region ist ländlich, Kühe grasen auf leuchtend grünen Wiesen, Pferde galoppieren am Ufer entlang durch die Schatten hochgewachsener Bäume. Unterm Blättermeer der Holzriesen lugen schilfgedeckte Dorfhäuser hervor, deren Bewohner ihre Ruderboote am Ufersaum vertäut haben. Schnatternde Gänse marschieren an Gartenzäunen entlang, Storcheneltern füttern in den Nestern auf Strommasten ihren Nachwuchs. Beim Hinschauen auf die sumpfigen Flächen direkt neben dem befestigten Donauarm fällt blendend bewegtes Weiß auf. Ganze Kolonien von Vögeln fliegen auf, vom Motorengeräusch beunruhigt, aus dem dunkelgrünen Schilfgras, das sich im Wind rhythmisch bewegt. Darunter viele schneeweiße Löffler. Manchmal lässt sich erkennen, dass hoch über dem Wasser auch großschnabelige Pelikane kreisen.

Im Reich des Donauherings

Die Fakten über das Donaudelta erscheinen nüchtern, doch dahinter verbirgt sich eine ganz eigene Sphäre. Die Zahlen sind durch intensive Forschung ermittelt worden. Registriert sind 1.486 Pflanzenarten und 3.448 Tierarten. Allein in den letzten zehn Jahren sind 37 Tier- und zwei Pflanzenarten wissenschaftlich bestätigt worden, von denen man zuvor kaum etwas wusste. 325 Vogelarten leben im Delta, davon 52 Prozent des europäischen Bestands an Rosa-Pelikanen, 61 Prozent des weltweiten Vorkommens der Zwergscharbe, 71 Prozent des europäischen Vorkommens an Silberreihern und 90 Prozent des Weltbestands an Rothalsgänsen. Neun von zehn Vogelarten stehen laut Berner Konvention unter strengem Artenschutz.

Auch der Fischreichtum ist gewaltig. Unter den 125 Arten ist der Donau-Stör bekannt für seinen Schwarzkaviar. 45 Arten der Donaudeltabewohner im Wasser sind Süßwasserfische, darunter Barbe, Weißfisch, Karausche, Plattfisch und der Donauhering. Zudem leben hier 42 Säugetierarten, vor allem Fischotter, Nerze, Bisamratten, Feldhasen, Füchse, Wildschweine, Iltisse, Wildkatzen und Wölfe. Die Sanddünen sind das Zuhause seltener Reptilien wie der Natter, aber auch verschiedene Schlangen und Schildkröten leben dort. Der Lebensraum der Tiere besteht aus rund 800 Pflanzenfamilien. Neben den riesigen Schilfbeständen und der Fülle an Wasserpflanzen mit schwimmenden Blättern, wie zum Beispiel Wasserlilien oder Froschlattich, beeindrucken die Silberweiden. Sie haben schmale feine Laubblätter, die wie Lanzen aussehen. Ihre Stämme erreichen nicht selten eine Wuchshöhe von 35 Metern. Der Baum mit dem silbrigen Blattgehänge ist der schönste im Delta.

Sechs Tage braucht ein Tropfen aus der Donauquelle, um in der Landschaft der schwimmenden Inseln anzukommen. Sie ist einzigartig in Europa, ein pausenloser Wechsel, ein stets bewegtes Bild. Doch jeder Tropfen wird schließlich von der Weite des Schwarzen Meeres aufgenommen. Das Donaufinale ist grandios.